Fachbereich Veterinärmedizin


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Biographische Datenbank

Rohlwes, Johann Nicolaus

Titel:

Königl. preuß. Tierarzt; Mitglied de Märkischen ökonomischen Gesellschaft

Lebenszeit:

17.05.1755 bis 13.06.1823

Wirkungsort:

Neustadt / Dosse: Friedrich-Wilhelms-Gestüt

Biografie:

Rohlwes, Joh. Nicol., geh. den 14. Mai 1755, gest. den 13. Juni 1823. Bei dem offensten Charakter und dem mittheilendsten Wesen, das den Verstorbenen so freundlich auszeichnete, hat er doch nie, weder seine Familie, noch seine vertrautesten Freunde, mit den specielleren Begebenheiten seines frühern Lebens genau bekannt gemacht, so dass nachstehende Angaben nur dürftig und lückenhaft ausfallen konnten. Er war zu Hildesheim geboren, und von einem würdigen Vormunde, dessen er oft mit Dank und Liebe erwähnte, nach einem guten Schulunterricht bestimmt ein -Maler zu werden. Allein das Zunftmässige, was, dei Zeit nach, in den Propyläen der Kunst herrschte, beengte den lebendiger Jüngling zu sehr, und er verliess seinen Lehrherrn, um sich der Veterinair-Kunst zu widmen. Zu dem Zwecke ging er nach Braunschweig und von da nach Göttingen. Hier hörte er alle in sein Fach einschlagende Vorlesungen, und wurde von dem bekannten Stallmeister Ayrer zu seinen ausgezeichnetsten Schülern gezählt, da er sieh ihm, so wie durch seine wissenschaftliche Ausbildung im Allgemeinen (?), besonders durch seine Thätigkeit in der Zootomie empfahl, ja, selbst nützlich machte. Auch nahm der berühmte Blumenbach so viel Theil an ihm, dass er sich dessen specieller Leitung bei seinen Studien zu erfreuen hatte. Nachdem er seinen Cursus in Göttingen beendet, übernahm er 1780 die Stelle eines Regiments-PferdeArztes bei einem hannöverschen Cavallerie-Regiment, und, da er als solcher durch Kenntnisse und Diensteifer sich der besondern Gunst seiner Vorgesetzten zu versichern wusste, gelang es ihm, dessen Streben nach eigner Ausbildung von jeher so bemerkenswerth gewesen, auf ein Jahr Urlaub zu erhalten, und unter der Leitung des' bekannten K erst i n g sieh mehr und mehr zu vervollkommnen. Um das Jahr 1783 wurde er als Reg.-Pferdearzt nach Lüneburg versetzt, wo er neben der gewissenhaftesten Erfüllung seiner Dienstpflicht, und einer sehr ausgedehnten Privat-Praxis, bei einer ausserordentlichen Thätigkeit noch Musse genug fand, auch als Schriftsteller aufzutreten. Zuerst erschien eine Abhandlung „über die äussern Krankheiten der Pferde", welcher 1787 eine Abhandlung „über die innern Krankheiten der Pferde"*), und 1787 eine „über den Zungenkrebs" folgten. Durch diese Schriften bewies er dem grössern Publicum, dass er nicht bloss ein potenzirter Hufschmied oder Wasenmeister, sondern ein denkender wissenschaftlich gebildeter Thierarzt sei; und, da man schon seit längerer Zeit den Einfluss der Thierarzneikunst auf das Wohl des Landmanns eingesehen, so konnte es nicht fehlen, dass man ihn allgemein bemerkte. In dieser Zeit wurden ihm sehr dringliche Aufforderungen, in russische Dienste zu gehen, welchen zu folgen er auch nicht abgeneigt gewesen sein muss, da er ein in Hamburg verlegtes Werk, dessen Titel unbekannt ist, der russischen Kaiserin übersandte. Allein da er im Jahr 1787 sich mit einer Tochter des Regiments-Chirurgus Krägehius aus Lüneburg verheirathet hatte, so zog er es vor, vom königl. preuss. Oberstallmeister Grafen Lindenau dazu aufgefordert, die Stelle als erster Thierarzt bei dem neu zu errichtenden Friedrich-Wilhelms-Gestüt bei Neustadt an der Dosse anzunehmen. Hier wartete seiner ein sehr ausgebreiteter Geschäftskreis , um so mehr, als er auch eine Zeit lang dem Landgestüte als Thierarzt beigegeben war, und die Umgegend in weiter Ausdehnung, selbst bis nach Mecklenburg hinein, die Thätigkeit des allgemein geschätzten Mannes in Anspruch nahm. Wahrscheinlich hat er damals lange nichts für die Presse gearbeitet, und erst im Jahr 1799 gab er ein „Magazin für Thierheilkunde" in vierteljährigen Heften heraus, wovon bis 1802 vier Jahrgänge erschienen sind. Darauf veranlasste eine Preisaufgabe der märkischen ökonomischen Gesellschaft zu Potsdam ihn zur Ausarbeitung seines „allgemeinen Vieharzneibuches", was die Prämie errang, und zuerst 1802 im Buchhandel erschien. Dieses Werk hat nun ganz vorzüglich dem Namen des Verstorbenen eine bleibende Celebrität verschafft, da es nicht nur 16 Auflagen erlebte (bis 1842), und, so weit die deutsche. Sprache reicht, in den Händen aller aufgeklärten Landwirthe sich findet, sondern selbst in fremde Sprachen übergetragen worden ist. Auch belohnte die märkische öconomisehe Gesellschaft den Verfasser ausser der zuerkannten Prämie noch dadurch, dass sie ihn zu ihrem ordentlichen Mitgliede ernannte. Wenn gleic.i jetzt über die ausgezeichnete Brauchbarkeit des Werks kein Streit mehr Statt findet, wo das Publikum durch den Verbrauch von so vielen Auflagen darüber entschieden, wie sehr es seinem Zweck entspreche, und ein bisher empfundenes grosses Bedürfniss erfülle, so fand es doch bei seinem Erscheinen mancherlei Widersacher und selbst, ja vorzüglich unter Männern, die in verschiedenen nahen Beziehungen zu dem Verfasser standen (z. B. der Professor N a u m a n n in Berlin). Hierdurch sah R. sich bald in so unangenehmen Verhältnissen - gewiss zum Theil die Frucht seiner eigenen Leidenschaftlichkeit - dass er dadurch bestimmt wurde, im Jahr 1802 seine Entlassung zu nehmen. Nachdem er das Friedrich-Wilhelms-Gestüt verlassen, ging er nach Berlin, lebte dort als praktischer Thierarzt, und stand im Begriff als Lehrer der Thierarzneiwissenschaft nach Dorpat zu gehen, als er durch eine vom Könige ihm gewährte Pension von Neuem an den preussischen Staat gefesselt ward. Im Jahr 1804 ging er nach Prenzlow, wo er bis zum Jahr 1808 als ein allgemein geschätzter Mann und sehr beschäftigter Thierarzt lebte. Da aber nach der französischen Invasion die Zahlung seiner Pension aufgehört hatte, so zog er nach Mecklenburg, welches Land, seit langer Zeit durch seine vorzügliche Pferdezucht bekannt, einen Mann wie den Verstorbenen vorzüglich suchte und schätzte. Doch, als ihm im Jahr 1810 die frühere Pension vom Könige von Preussen wieder gewährt wurde, so zog er nach Strassburg in der Uckermark, hart an der mecklenburgischen Grenze. Hier theilte sich seine Zeit zwischen einer sehr ausgebreiteten thierärztlichen Praxis und seinen schriftstellerischen Arbeiten, denen er, seit er das Gestüt verlassen, stets mit Fleiss obgelegen, und die ihn in den letzten Jahren seines Lebens fast ausschliesslich beschäftigten. Denn - bei aller Energie des Geistes - vermochte sein Körper die mit den praktischen Geschäften verbundenen Anstrengungen und Reisen nicht mehr zu ertragen. In den letzten 7 Jahren unterlag er häufigen und heftigen Anfällen einer anomalen Gicht, in Folge deren er auch das rechte Auge verlor, und wurde zuletzt von so heftigen und so leicht erregten Beschwerden gequält, dass er dadurch fast aller Bewegungs-Fähigkeit beraubt wurde. Bei allen diesen körperlichen Leiden aber behielt er eine Lebendigkeit und Regsamkeit des Geistes, die im auffallendsten Contraste zu seiner körperlichen Schwächlichkeit stand, und ihn zum unterhaltendsten Gesellschafter machte. Ueberhaupt gehörte er in moralischer Hinsicht zu den vorzüglichsten Menschen, und zeichnete sieh ganz besonders durch ein unbestechliches Gefühl für alles Rechte und Gute aus, das sich bei seinem cholerisch-sanguinischen Temperamente oft selbst rücksichtslos äusserte. Kurz, er war mit Recht so allgemein geschätzt und geliebt, dass sein am 13. Juni 1823 erfolgter plötzlicher Tod nicht allein seine zahlreiche Familie, sondern noch viele theilnehmende Freunde aufs Innigste betrübte. In den Catalogen finden sich ausser den oben bereits genannten Werken von R., noch eine ziemliche Anzahl populärer Schriften, z. B. der Taschenpferdearzt 1804, die Pferdezucht in den preuss. Staaten 1806, das Impfen der Schafpocken und Trokariren der Drehkranken 1806, Receptbuch für Schäfer 1814, Erkenntniss und Heilart der Krankheiten der Thiere 1816, Rathgeber für Schäfereibesitzer, 5 Hefte, 1819-23, der Pferdearzt im Felde 1816, die Federviehzucht 1821, das Ganze der Thierheilkunde in 4 Bänden (fortgesetzt von Tennecker) 1822-25.

Aus: Schrader, Georg Wilhelm: Biographisch-literarisches Lexicon der Thierärzte aller Zeiten und Länder, sowie der Naturforscher, Aerzte, Landwirthe, Stallmeister u.s.w., welche sich um die Thierheilkunde verdient gemacht haben : mit 43 Portraits und 95 Namenszügen / gesammelt von G. W. Schrader. Vervollst. und hrsg. von Eduard Hering. - Stuttgart : Ebner & Seubert, 1863. - X, 490 S.