Fachbereich Veterinärmedizin


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    Publikationsdatenbank

    Sind Laufbeläge aus Gummi geeignet, die Klauengesundheit zu verbessern? (2007)

    Art
    Vortrag
    Autoren
    Guhl, E.
    Müller, K. E.
    Kongress
    Tagung der Deutschen Buiatrischen Gesellschaft der DVG
    Fulda, 18. – 19.05.2007
    Quelle
    Tagung Deutsche Buiatrische Gesellschaft - DVG "Buiatrik am Beginn des 21. Jahrhunderts - aktueller Stand und Perspektiven"
    Gießen: DVG Service GmbH, 2007 — S. 49
    Kontakt
    Klinik für Klauentiere

    Königsweg 65
    Gebäude 26
    14163 Berlin
    Tel.+49 30 838 62261 Fax.+49 30 838 62512
    email:klauentierklinik@vetmed.fu-berlin.de

    Abstract / Zusammenfassung

    Einleitung
    Milchkühe sind auf gesunde Klauen angewiesen. Klauenkranke Tiere sind benachteiligt bei der Futteraufnahme und in der Rangordnung. Klauenkrankheiten wirken sich negativ auf die Brunsterkennung und Milchleistung aus und sind nicht zuletzt ein bedeutender Faktor für Abgänge in der Herde. Die Beschaffenheit des Laufuntergrundes ist bei der Entstehung von Klauenkrankheiten von entscheidender Bedeutung. Im natürlichen Habitat wild lebender Rinder halten sich Hornnachschub und Hornabrieb die Waage. In der Laufstallhaltung auf Betonböden bedarf es einer oder mehrerer Klauenpflegetermine um dieses Gleichgewicht wiederherzustellen. Ziel dieser Arbeit war es, die Auswirkungen von zwei verschiedenen Laufflächenbelägen - planbefestigter Beton und Vollgummi ? auf die Klauengesundheit und das Verhältnis zwischen Hornnachschub und Hornabrieb zu untersuchen.
    Material und Methoden
    In einem Milchviehbetrieb in Brandenburg wurden 150 frisch abkalbende Kühe und Färsen entweder der Versuchsgruppe (Gummibelag: KURA P®, Kraiburg) oder der Kontrollgruppe (planbefestigter Betonboden) zugeordnet. Nach der Kalbung - noch vor dem Verbringen der Tiere auf die jeweilige Lauffläche - fand eine Klauenuntersuchung mit funktioneller Klauenpflege statt. Dabei wurden die Klauenhornlängenmaße ermittelt und das Vorliegen von Klauenkrankheiten dokumentiert. Zur Bestimmung von Hornnachschub und ?abrieb wurde mit Hilfe eines Lötkolbens eine Markierung am Klauenhorn angebracht. Nach 108 Tagen auf dem jeweiligen Laufflächenbelag wurden die Klauenhornlängenmaße und die Klauengesundheit erneut befundet. Sowohl Gummiflächen als auch Betonflächen wurden zusätzlich mit Stroh eingestreut. Die Entmistung erfolgte täglich mit dem Radlader.
    Ergebnisse
    Hornlängenmaße. Es wurden Hornnachschub, Hornabrieb und Ballenhöhe dokumentiert. Nettohornwachstum und Nettoballlenhornwachstum wurden aus den vorliegenden Daten errechnet. Auf der linken hinteren Außenklaue war eine deutliche Abriebminderung des Horns in der Versuchsgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe zu verzeichnen. Für die rechte hintere Außenklaue war dies nicht der Fall. Die Mittelwerte des Nettoballenhornwachstums der Versuchsgruppe lagen oberhalb von denen der Kontrollgruppe. Hornnachschub und Nettohornwachstum wiesen keine deutlichen Mittelwertsunterschiede auf.
    Klauengesundheit. Infektiöse Klauenerkrankungen: Die Häufigkeiten des Auftretens von Dermatitis Digitalis, Dermatitis Interdigitalis und Ballenhornfäule auf den hier vorliegenden verschiedenen Laufflächenbelägen unterschieden sich nicht. Rehe assoziierte Klauenerkrankungen: Es wurden vermehrt Doppelte Sohlen der rechten hinteren Außenklaue in der Versuchsgruppe beobachtet. Für Einblutungen, Weiße Linie Defekte, Krümmung der Dorsalwand und Auftreten von Reheringen konnte kein Unterschied festgestellt werden.
    Diskussion und Schlussfolgerung
    Hornlängenmaße. Übermäßige und ungleichmäßige Belastungen der Klauenhaut resultieren in einer Steigerung der Hornproduktion (Ossent et al. 1987). Der Hornnachschub (positive Längenänderung der Dorsalwand durch die epidermale Hornproduktion) von Versuchs- und Kontrollgruppe unterscheidet sich innerhalb des 3,5 Monate andauernden Versuches nicht. Ein weicherer Laufuntergrund führt demnach nicht zu verminderter Hornproduktion des Kronhorns. Es wird zu diskutieren sein, inwieweit sich die Belastung in den Fußungsphasen auf die verschieden Segmente der Klaue verteilt und Adaptationszeiträume berücksichtigt werden müssen. Der Hornabrieb (negative Längenänderung der Dorsalwand durch abrasive Vorgänge) ist stark von der Oberflächenbeschaffenheit eines Laufuntergrundes und vom Verhältnis der Härte der sich reibenden Materialien abhängig. Da Gummi weicher als Beton ist, war mit einer Abriebminderung zu rechnen. Ähnlich deutliche Ergebnisse wurden auch von anderen Autoren (Samel 2005) erzielt. Die unterschiedlichen Abriebraten von hinterer linker und hinterer rechter Außenklaue sind bezüglich der Laufwege im Betrieb weiter zu diskutieren. Das Nettohornwachstum ist nach diesen Erkenntnissen in erster Linie vom Faktor Abrieb abhängig. Die Hornbildungsrate der verschiedenen Segmente unterscheidet sich. Sie ist im Ballenbereich (5 ? 8 mm/ Monat) größer als an der Sohle (3 ? 5 mm/ Monat) (Maierl et Mülling 2004). Die stärkere Hornbildungsrate am Ballen verbunden mit einer Abriebminderung auf Gummibelaglaufflächen führt zu vermehrtem Nettoballenhornwachstum. Bei Samel (2005) ist ebenfalls ein stärkeres Nettoballenhornwachstum auf Gummibelaglaufflächen zu verzeichnen, Kremer (2006) hingegen findet auf gummierten Spaltenböden keine Unterschiede.
    Klauengesundheit. Infektiöse Klauenerkrankungen. Dermatitis Digitalis, Dermatitis Interdigitalis und Ballenfäule sind multifaktoriell bedingt und werden durch Mazeration begünstigt. Eine Drainierung der Laufflächen fand nicht statt. Eine Abführung von Gülle über die Schlitze der puzzleartig verlegten Gummimatten in ein darunter liegendes Drainagerohr war nicht wirkungsvoll. Gummibelaglaufflächen und Betonlaufflächen wurden zusätzlich mit Stroh eingestreut. Die Abschiebeintervalle der Laufflächen beider Gruppen sind gleich und erwiesen sich von der Frequenz gesehen als zu niedrig. In dieser Versuchsanordnung war das Milieu beider Laufflächen ähnlich und führte daher zu keinem Unterschied im Auftreten von infektiösen Klauenerkrankungen. Die Ergebnisse werden durch Samel (2005) bestätigt. Dem entgegen stehen Aussagen anderer Autoren, die Tieren auf Gummibelag einen signifikant verbesserten Klauenstatus (Benz 2002) zuerkennen oder größere Häufigkeiten für Dermatitis Digitalis und Ballenfäule (Kremer 2006) verzeichnen. Beide Autoren erhoben ihre Daten an gummierten Spaltenböden, die eine Drainierung ermöglichen, so dass hier möglicherweise andere Faktoren der Entstehung o.g. Erkrankungen im Vordergrund stehen. Rehe assoziierte Klauenerkrankungen: Einblutungen, Weiße Linie Defekte, Konkavität der Dorsalwand und Reheringe treten in beiden Gruppen auf und unterscheiden sich bezüglich der Häufigkeit nicht. Klauenrehe kann viele Ursachen haben. Alle führen zu einer Störung der Lederhaut im Klauenbereich. Eine mechanische Überbelastung der Klauenlederhaut ist nicht allein auf die Beschaffenheit des Laufuntergrundes zurückzuführen, sondern auch wie lange sich das Tier von dieser ?erholen? kann. (Liegeboxenkomfort, Liegeboxenkonkurrenz). Es bleibt zu prüfen wie stark in diesem Betrieb Faktoren außer dem der Belastung einen Einfluss auf die Klauenrehe ausüben. Andere Autoren konnten ebenfalls keine Unterschiede feststellen (Samel 2005) oder ermittelten einen signifikant verbesserten Klauenstatus (Benz 2002) der Tiere auf Gummibelag. Benz (2002) untersuchte Tiere auf Spaltenböden, so dass dieser Tatsache womöglich eine höhere Bedeutung für die Entstehung der Klauenrehe zugemessen werden muss.
    Bei dieser Form des Versuchsaufbaus konnten hinsichtlich der Hornlängenmaße und der o.g. pathologischen Veränderungen der Klauen keine deutlichen Unterschiede zwischen Versuchs- und Kontrollgruppe festgestellt werden. Die Hornabriebraten waren z.T. deutlich auf Gummibelag vermindert und führten durch stärkere Hornbildungsraten im Ballenbereich zu einer Zunahme der Ballenhöhe. Dieser Effekt lässt sich bei der Therapie von Klauenerkrankungen mit Substanzverlust des Ballens sinnvoll nutzen.