Fachbereich Veterinärmedizin


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    Aktuelles zur Klauengesundheit bei Milchkühen (2008)

    Art
    Vortrag
    Autoren
    Müller, K. E.
    Eilers, T.
    Kongress
    3. NRW Tierärztetag
    Nordrhein-Westpfalen, 01.04.2008
    Quelle
    Kontakt
    Klinik für Klauentiere

    Königsweg 65
    Gebäude 26
    14163 Berlin
    Tel.+49 30 838 62261 Fax.+49 30 838 62512
    email:klauentierklinik@vetmed.fu-berlin.de

    Abstract / Zusammenfassung

    Lahmheit zeichnet sich per definitionem durch eine an der erkrankten Gliedmaße zu beobachtende gestörte Stützphase, eine gestörte Hangphase oder eine Kombination aus beidem aus. In über 90 % der Fälle sind Lahmheiten bei Milchkühen auf Erkrankungen der Klauen zurückzuführen. Die aktuell verbreiteten, unter arbeitsökonomischen Gesichtspunkten entwickelten Haltungsformen für Rinder entsprechen nur bedingt den Bedürfnissen der Tiere als natürliche Weichbodengänger. Die jährliche Lahmheitsinzidenz bei den intensiv gehaltenen Hochleistungsmilchkühen wird auf 20 bis 30 % geschätzt. In weiten Teilen Europas weisen bei gründlicher Untersuchung mehr als 50 % der Kühe krankhafte Veränderungen an den Gliedmaßen auf. Das Allgemeinbefinden von Milchkühen wird durch Klauenkrankheiten, bedingt durch die mit diesen Erkrankungen einhergehenden Schmerzen, erheblich beeinträchtigt. Aus diesem Grunde spielt die Wahrung der Gliedmaßengesundheit von Kühen aus Sicht des Tierschutzes eine wesentliche Rolle. Die Bedeutung von Lahmheiten als Ursache von wirtschaftlichen Verlusten in der modernen Milchwirtschaft liegt an dritter Stelle hinter Euterkrankheiten und Reproduktionsstörungen. Kalkulationen für die durchschnittlich pro Lahmheitsfall entstehenden Gesamtkosten bewegen sich zwischen ? 130,- und ? 600,-. Diese Kosten setzen sich zusammen aus Behandlungskosten, Einbußen in der Milchleistung, Verlusten durch verlängerte Zwischenkalbezeiten, Kosten infolge vorzeitiger Merzung, Schlachtverluste und Aufwendungen durch vermehrten Arbeitsanfall. Die Einkommenseinbußen entstehen bereits zu einem Zeitpunkt, zu dem die Lahmheit für den Landwirt noch gar nicht erkennbar ist. Schätzungen zufolge ließen sich durch Früherkennung bundesweit etwa 60 Millionen Euro jährlich einsparen.
    Die Klauenkrankheiten lassen sich grob in nicht-infektiöse und infektiöse Erkrankungen einteilen. Bei den nicht infektiösen Klauenkrankheiten nehmen die oberflächlichen und tiefen Geschwüre der Sohlenlederhaut eine zentrale Stellung ein. Eine Vielzahl nicht-infektiöser Klauenkrankheiten entsteht als Komplikation der chronischen Klauenrehe. Im Verlauf einer Klauenrehe kommt es zu einem Absinken des knöchernen Klauenbeines innerhalb des Hornschuhs. Es kommt zu Quetschungen der empfindlichen Lederhaut, die wiederum Durchblutungs- und Diffusionsstörungen zur Folge haben. Die Hornbildung wird gestört, was anlässlich eines Klauenschnitts nach etwa sechs Wochen durch gelbliche und rötliche Verfärbungen des Sohlenhorns (Bluteinschlüsse) oder dessen bröckelige Konsistenz (Doppelsohlenbildung) zu erkennen gibt. Infektiöse Klauenerkrankungen betreffen in aller Regel die empfindlichen Hautpartien im Zwischenzehen- und Ballenbereich und beeinflussen die angrenzende Hornbildungsschicht. Die am meisten verbreiteten infektiösen Klauenkrankheiten sind die Dermatitis interdigitalis, die Dermatitis digitalis oder Mortellaro?sche Krankheit und die Phlegmona interdigitalis. In allen drei Fällen handelt es sich um so genannte Faktorenkrankheiten, deren Entstehen durch gleichzeitiges Einwirken von Bakterien, ungünstigen Haltungsbedingungen und tiereigenen Faktoren (Zustand der Klauen, Immunsuppression, Mangelzustände) bedingt wird.
    Eigene Untersuchungen zeigen, dass sich durch Einführung der fachgerecht ausgeführten funktionellen Klauenpflege eine Reduktion des Schweregrades von Lahmheiten erzielen lässt, während die Prävalenz der verschiedenen Klauenkrankheiten kaum beeinflusst wird. Dieser Faktor scheint eher auf Mängel in den Haltungsbedingungen zurückzuführen sein, wobei die Bewegungsfläche der Tiere, der Kuhkomfort und die Stehzeiten vor und nach dem Melken eine zentrale Stelle einnehmen. Als vorrangigstes Ziel ist eine Verbesserung des Liegeboxenkomforts anzustreben sowie ein ausbalanciertes Verhältnis zwischen der Anzahl vorhandener Fress- und Liegeplätze und der Anzahl Kühe in einem Betrieb. Obwohl die Verbesserung der Laufflächen, wie zum Beispiel die Ausstattung der Laufwege, des Vorwartebereiches und der Fressplätze mit Gummimatten zu einer Verbesserung der Klauengesundheit beitragen kann, kommt vor allem der Verlängerung der Liegezeiten durch verbesserten Liegeboxenkomfort eine zentrale Bedeutung zu, da die Gesundheit der Klauen durch zu lange Stehzeiten auf zu hartem oder unebenem Boden ernsthaft in Mitleidenschaft gezogen wird. Ein weiterer Andachtspunkt sollte die Eingliederung der Färsen in den Betrieb sein. Abruptes Umstallen der Tiere vor dem Kalben, unzureichende Klauenpflege und nicht angepasstes Futtermanagement spielen hier eine zentrale Rolle.
    Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass sich die konsequent durchgeführte, funktionelle Klauenpflege als eine dem Wohlsein der Tiere zugute kommende Maßnahme erweist. Eine Verminderung der Klauenkrankheiten lässt sich jedoch nur durch gezielte Maßnahmen in den Haltungsbedingungen erreichen, die dazu beitragen, dass die Stehzeiten der Tiere vermindert werden. Es fehlen zurzeit noch zuverlässige und aus arbeitsökonomischer Sicht vertretbare Methoden zum Monitoring der Klauengesundheit im Betrieb.