Fachbereich Veterinärmedizin


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    Studie zum stereotypen Laufen bei Hauspferden (2003)

    Art
    Hochschulschrift
    Autor
    Bredenbröker, Dagmar
    Quelle
    Berlin, 2003 — 175 Seiten
    Verweise
    URL (Volltext): http://www.diss.fu-berlin.de/diss/receive/FUDISS_thesis_000000001156
    Kontakt
    Institut für Tierschutz und Tierverhalten

    Königsweg 67
    Gebäude 21, 1. OG
    14163 Berlin
    +49 30 838 62901
    tierschutz@vetmed.fu-berlin.de

    Abstract / Zusammenfassung

    In der vorliegenden Untersuchung wurden 17 Pferde, die stereotypes Laufen zeigen, jeweils eine Woche von morgens kurz vor der Fütterung bis abends Ruhe im Stall einkehrt im Sommer und Winter direkt beobachtet. Daneben wurden von insgesamt 61 Pferden Daten per Fragebogen erhoben. Ziel der Arbeit war, das Verhalten zu beschreiben und Hinweise auf direkte Auslöser sowie Ursachen der Stereotypie zu erhalten.
    Der zu Beginn der Studie versendete Fragebogen an Reit-, Zucht-, Renn- und Fahrbetriebe in der Region Berlin-Brandenburg erzielte eine Resonanz von 41,2%. Zusätzlich meldeten sich Besitzer betroffener Pferde auf die beiden veröffentlichen Zeitschriftenartikel oder auf die Vorstellung des Projektes im Internet. Insgesamt konnte für das stereotype Laufen eine Prävalenz von 1,3% ermittelt werden.
    Das stereotype Laufen erfolgt auf einer geraden Strecke oder als Kreislaufen, wobei ersteres häufiger beobachtet werden kann. Die Wendung erfolgt in der Regel zum Zaun hin, der Kopf ist mehr oder weniger in Richtung Zaun gewendet. In der Box winden die Pferde sich gewissermaßen hin und her. Das Kreislaufen erfolgte bei den beobachteten Pferden überwiegend im Uhrzeigersinn. Die Tiere können während der Ausführung der Stereotypie sowohl völlig ruhig und gelassen wirken, als auch nervös und aufgeregt. Eine, wenn auch kurzzeitige, Ablenkung durch Außenreize während der Ausführung der Stereotypie konnte beobachtet werden. Nur bei 41,2% der Pferde kann das stereotype Laufen tatsächlich lediglich in der Box beobachtet werden. Daher wird der Begriff `Boxenlaufen´ für die Verhaltensstörung als ungeeignet angesehen und statt dessen die Bezeichnung `stereotypes Laufen´ vorgeschlagen.
    Der Anteil der Verhaltensstörung an der insgesamt beobachteten Zeit unterscheidet sich für alle Pferde während der Winter- und der Sommerbeobachtungsphase kaum. Dabei war der Anteil der Stereotypie am Zeitbudget bei einigen Tieren während der Sommerbeobachtung höher, bei anderen während der Winterbeobachtung. Ein Maximum der stereotypen Aktivität ist im Winter am Nachmittag zu verzeichnen, wenn die meiste Aktivität im Stall herrscht. Ein zweiter Peak liegt am Vormittag zu der Zeit, zu der die Pferde auf den Paddock oder die Weide gebracht werden und die Stallarbeiten erfolgen. Während der Sommerbeobachtung liegt das Maximum vormittags. Nachmittags ist ebenfalls ein Anstieg zu verzeichnen, der allerdings niedriger ist, als im Winter.
    Anhand der Daten konnte ein Zusammenhang zwischen der Rasse der Tiere und dem Auftreten der Stereotypie nachgewiesen werden. Dabei ist der Anteil betroffener Vollblüter besonders hoch, der Anteil der Kleinpferde und Ponys ist vergleichsweise gering. Fragen nach dem Charakter und Temperament der Tiere ergaben allerdings keinen Hinweis auf eine Prädisposition für die Ausbildung der Stereotypie. Der Anteil der Hengste an den betroffenen Tieren erscheint sehr hoch. Ein gehäuftes Auftreten des stereotypen Laufens bei bestimmten Nutzungsrichtungen der Pferde konnte nicht festgestellt werden. Ebenso konnte keine Häufung in einem bestimmten Altersbereich ermittelt werden. Auch die Bestandsgröße sowie die verfütterte Heumenge stehen in keinem Zusammenhang zum Auftreten der Stereotypie. Die betroffenen Pferde haben ganz überwiegend Zugang zu einem Paddock und/oder einer Weide.
    Bei über 60% der Pferde konnte der Beginn des stereotypen Laufens nicht ermittelt werden. Bei den übrigen Tieren wurden die erste Aufstallung, das Absetzen von Mutterstute, der Beginn der Ausbildung, die Trennung von Weidekumpanen oder ein Stallwechsel als Ursache angegeben. Daneben begann die Stereotypie bei mehreren Pferden während einer längeren Boxenruhe.
    Insgesamt waren 24% der registrierten stereotypen Aktivitäten (stereotypes Laufen bzw. Weben) direkt mit einem Umweltereignis in Verbindung zu bringen. In den übrigen Fällen war ein Zusammenhang lediglich zu vermuten. Ein Auslöser, der bei allen Pferden wirksam ist, konnte nicht gefunden werden. Stereotypes Laufen trat vor allem in Situationen auf, die für das Pferd mit Erregung verbunden sind, wie dem Erscheinen des Besitzers sowie allgemeiner Unruhe im Stall, Fütterung oder dem Herausbringen von Pferden aus dem Stall.
    Die Effektivität von Veränderungen im Management zur Therapie der Verhaltensstörung war nicht eindeutig zu beurteilen. Eine medikamentelle Therapie wurde bei keinem der Tiere vorgenommen. Das Unterbinden der Bewegung durch Anbinden hat lediglich bei einem Pferd zu einer Reduzierung der Stereotypie geführt, kein Pferd begann mit dem Weben. Bei allen Pferde war die Stereotypie generell nur sehr schwer oder gar nicht beeinflußbar.
    Bei den acht Tieren, bei denen die Verhaltensstörung nach Aussage der Besitzer zu Schäden am Tier geführt hat, muß von einem gestörten Wohlbefinden der Tiere ausgegangen werden. Im übrigen kann die Stereotypie als Weg gesehen werden, der dem Tier hilft, mit der Umwelt, die für das Tier nicht optimal ist oder war, zurechtzukommen. Daher sollte ein Tier nicht an der Ausführung der Stereotypie gehindert werden, sofern keine Schäden entstehen, um weitere Motivationskonflikte zu vermeiden. Allerdings sollte durch eine, individuell auf die ermittelten Auslöser abgestimmte Veränderung im Management, versucht werden, die Stereotypie zu reduzieren.