Fachbereich Veterinärmedizin


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    Untersuchungen zur Catecholaminkonzentration bei der Kastration von Sauferkeln (2003)

    Art
    Hochschulschrift
    Autor
    Vorwallner, Hagen
    Quelle
    Berlin, 2003 — 110 Seiten
    Verweise
    URL (Volltext): http://www.diss.fu-berlin.de/diss/receive/FUDISS_thesis_000000000976
    Kontakt
    Institut für Tierschutz und Tierverhalten

    Königsweg 67
    Gebäude 21, 1. OG
    14163 Berlin
    Tel.: +49 30 838 62901 (Sekretariat)
    email: tierschutz@vetmed.fu-berlin.de

    Abstract / Zusammenfassung

    Die Aufgabenstellung dieser Arbeit lag in der Untersuchung der physischen und psychischen
    Belastung, die durch den Eingriff der Kastration bei männlichen Saugferkeln hervorgerufen
    wird. Da bekannt ist, dass es unter Streß- und Angstzuständen zu einer Freisetzung
    der Catecholamine Adrenalin und Noradrenalin kommt (Döcke, 1994) wurde zur
    Beurteilung, ob überhaupt und in welchem Ausmaß Beeinträchtigungen vorlagen, Blutproben
    von 10 Probanden vor, während und nach der Kastration entnommen und hinsichtlich
    ihrer Catecholaminkonzentationen untersucht.
    Vergleichbare Untersuchungsergebnisse für Saugferkel dieser Altersklasse legt Schönreiter
    et al. (1999) vor. Danach wurden die Auswirkungen der CO2/O2-Narkose auf das Verhalten
    sowie die β-Endorphin- und Cortisolkonzentration männlicher Saugferkel nach der
    Kastration untersucht. Die Erkenntnisse dieser Untersuchung decken sich mit den Ergebnissen
    dieser Arbeit. Weitere veröffentlichte Daten, bezogen sie sich auf Untersuchungen
    an Schlachtschweinen (Hartung, 1997) und/oder an organischem Material.
    Dass bei der Kastration der Ferkel Schmerzen entstehen, ist als wahrscheinlich anzunehmen.
    Davon geht auch der Gesetzgeber aus, indem er festlegt, dass Ferkel nur bis zu einem
    Alter von vier Wochen ohne Narkose kastriert werden dürfen. Nach den neuen
    Schweinehaltungsrichtlinien der Europäischen Union dürfen zukünftig Ferkel sogar nur
    noch bis zum siebten Lebenstag ohne Anästhesie kastriert und kupiert werden.
    „Eine Kastration oder Kupieren der Schwänze nach dem siebten Lebenstag darf nur durch
    einen Tierarzt unter Anästhesie und anschließender Verwendung schmerzstillender Mittel
    durchgeführt werden.“ Amtsblatt der EG, Richtlinie 2001/93/EG v. 09.11.2001
    Diese neue Verordnung geht mit der Frage einher, ob die Annahme einer verringerten
    Schmerzaufnahme bzw. -empfindung oder kurzen Schmerzwahrnehmung bei jungen Tieren
    wirklich zutrifft. Der Gesetzgeber geht offensichtlich bis zum siebten Lebenstag davon
    aus. Ein Nachweis müssen wir an dieser Stelle schuldig bleiben, da die Ergebnisse
    der vorliegenden Arbeit sich auf Probanden eines Alters um die 3. Lebenswoche beziehen.
    Das die Kastration für die Ferkel eine Beeinträchtigung des Wohlbefindens in nicht
    unerheblichen Maße darstellt, hat diese Versuchsreihe eindeutig nachgewiesen. Allein die
    Vorbereitungsmaßnahmen (Fangen, Fixieren) lösen bei den Ferkeln Streß und Angst aus,
    was anhand der erhöhten Catecholaminwerte belegt wurde. Auch das Quieken der Ferkel
    deutete auf einen Mangel an Wohlbefinden. Es ist nicht eindeutig zu sagen, ob aus Angst
    oder durch eine Streßempfindung gequiekt wurde, da das Quieken als ein Symptom sowohl
    bei Streß als auch bei Angst gilt.
    Es bleibt festzuhalten, dass sich bei allen Ferkeln die Adrenalin- und Noradrenalinwerte
    kurz nach der Kastration signifikant erhöht haben. Hier liegen die Steigerungen zwischen
    dem Zwei- und fast Zehnfachen. Bei der Erregung und Manipulation durch die Kastration
    kann also ein qualitativer Sprung der gemessenen Adrenalin- und Noradrenalinwerte festgestellt werden. Das ist als eine erhebliche Störung des Wohlbefindens der Tiere zu werten. 5 bzw. 10 Minuten nach der Kastration sanken die Adrenalin- und Noradrenalinkonzentrationen wieder auf das Niveau, das vor der Kastration gemessen wurde. Mit Blick auf tierschützerische Aspekte läßt sich also sagen, dass die Erregung der Tiere, gemessen am Adrenalin- und Noradrenalinspiegel ca. 10 min nach der Kastration abgeklungen war. Die deutlichsten Veränderungen in der Konzentration zeigen Adrenalin und Noradrenalin.
    Die Abweichungen der ermittelten Dopaminkonzentrationen lassen keine Aussagen zu, da die Streuung in den Blutproben 2-6 doch sehr hoch war. Es scheint individuelle
    Konzentrationsniveaus in Bezug auf die Höhe der Catecholamine Adrenalin und Noradrenalin
    zu geben. Ein einheitlicher „Basiswert“ oder „Ruhewert“ wurde jedoch nicht ermittelt. Vielmehr ist von individuellen Basiswerten auszugehen. Am deutlichsten ist dies zu sehen bei Ferkel D. Hier ist die Streuung der Adrenalin - und Noradrenalinwerte der Proben 2 bis 6 sehr gering (A. 255,2 bis 447,6pg/ml; NA. 1007,9 bis 1748,1pg/ml). Bei anderen Probanden ist die Schwankungsbreite bei Adrenalin und Noradrenalin etwas höher. Die Hauptwirkung der Catecholamine für den Probanden liegen also bei Adrenalin und Noradrenalin. Gleiche Ergebnisse erhielt Roggendorf (Roggendorf, 1993) bei der Untersuchung von Catecholaminen bei Rindern im periovulatorischen Zeitraum. Als Kernaussage des Versuches bleibt folgendes festzuhalten. Infolge der Kastration kommt es zu einer signifikanten Erhöhung der Catecholamine, was als Streß, Leiden und Mangel an Wohlbefinden gedeutet werden kann. Gemessen an den Catecholaminen dauert die Belastungssituation jedoch nur wenige Minuten an. Für den Tierschutz ist eine Möglichkeit zur Messung von Belastungssituationen gefunden. Es bleibt jedoch offen, welche Dauer der Beeinträchtigung einem Tier zugemutet werden kann, wie hoch darf der Anstieg der Catecholaminkonzentrationen maximal sein, um einen Eingriff zu rechtfertigen. Ob die kurzzeitige Anästhesie für die Kastration weniger Streß für das einzelne Ferkel bedeutet, kann im Rahmen dieser Arbeit nicht geklärt werden. Eine Untersuchung von Schönreiter et. al. (1999), bei der 2-4 Wochen alte Ferkel unter CO2/O2-Narkose kastriert wurden, zeigt, dass die Streßbelastung durch die Anästhesie sich nicht wesentlich veringert. Fest steht jedoch, dass die Ferkel in der Narkose relativ geringe Noradrenalinwerte haben, aber teilweise enorm hohe Adrenalinwerte.
    Die Kastration stellt für die Ferkel eine Belastungssituation dar, in der Angst, Streß, Leiden und Unwohlsein empfunden werden. Dieser Eingriff muß so kurz wie möglich gehalten
    werden. Es muß in Zukunft ein vernünftiger Weg gefunden werden, zwischen zeitlichen
    und ökonomischen Aufwand der Kastration einerseits und dem Wohlbefinden der
    Tiere andererseits.

    Catecholamine concentration under the influence of castrationin sucking piglets
    The aim of this thesis was to study the physiological and psychological impact of
    castration on piglets with the help of stress hormone measurements. Stress and fear lead
    to the release of catecholamines adrenaline and noradrenaline (Doecke, 1994). Bloods
    samples were taken from 10 piglets before, during and after castration and the hormones
    were determined. Comparable results for sucking piglets were described by Schönreiter (1999). Heexamined the effects of CO2/O2 -anaesthesia on the behavior, β-endorphins and cortisol concentrations. Further data were measured in slaugter pigs and / or organic material. It has to be seen as highly likely that piglets experience pain during castrastion. Therefore, in accordance to the law only piglets up to the age of 4 weeks are allowed to be castrated without anaesthesia. The new guidelines of the European Union only allow castration up to the 7th day of life.
    „After the 7th day of life castration or cutting of tails may only be performed by a
    veterinarian. Use of anaesthesia and restraining medicines is obligatory“ (Official Journal
    of EU, Guideline 2001/93/EU, 2001-11-9)
    This legislation proceeds from the assumption that up to the 7th day of life the piglet has a reduced pain sensation. These investigations took place on three weeks old piglets. This study demonstrates that castration impairs the well being of the piglets. Preparations for the procedure (catching and fixating) led to increased catecholamine values in the blood. Squealing indicates a lack of well being. It cannot be differentiated whether the squealing is the result of fear or of pain. In all In all piglets the catecholamines increased significantly in the blood after castration. The
    rise in concentration varied between two to tenfold of the amount measured before
    procedure. These high concentrations have to be interpreted as a significant impairment
    of the well being of the piglets. Five to ten minutes after the castration the hormone values decreased and reached the output level. The agitation of the animals as indicated by the high hormone concentrations, is terminated ten minutes after castration.
    Adrenaline and noradrenaline showed the largest changes. The dopamine concentration
    could not be evaluated, as the deviations in the blood tests of the different piglets were
    too high. A comparable base value could not be specified. Each animal possesses
    individual base values. The piglet D is a good example of this statment. The fluctuations
    of the hormones in the samples nr.2-6 were very small (A 255,2 - 447,6 pg/ml, NA
    1007,9 - 1748,1 pg/ml). In other animals, the fluctuation was higher.
    Adrenaline and noradrenaline have the largest influence on the body (metabolism,
    heart/circuit, well being). Roggendorf (1993) confirmed same results with cattle before,
    during and after ovulation.