Fachbereich Veterinärmedizin


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    Untersuchung auf Wechselwirkungen zwischen philosophischen Ansichten und landwirtschaftlicher Tierhaltung in Altertum, Mittelalter und Neuzeit im heutigen mitteleuropäischen Kulturkreis (2004)

    Art
    Hochschulschrift
    Autor
    Habicht, Martina
    Quelle
    Berlin: Mensch und Buch Verl, 2004 — 211 Seiten
    ISBN: 3-89820-739-0
    Verweise
    URL (Volltext): http://www.diss.fu-berlin.de/diss/receive/FUDISS_thesis_000000001328
    Kontakt
    Institut für Tierschutz und Tierverhalten

    Königsweg 67
    Gebäude 21, 1. OG
    14163 Berlin
    Tel.: +49 30 838 62901 (Sekretariat)
    email: tierschutz@vetmed.fu-berlin.de

    Abstract / Zusammenfassung

    In der vorliegenden Arbeit wurden Wechselwirkungen zwischen philosophischen Ansichten zur Mensch- Tier- Beziehung und praktischer Tierhaltung bzw. landwirtschaftlicher Literatur untersucht. Die Untersuchung bezog sich auf den (heutigen) mitteleuropäischen Raum in den Epochen Altertum, Mittelalter und Neuzeit. Im Rahmen der Literaturrecherche wurden zahlreiche Werke bekannter Philosophen gesichtet, ihre jeweilige Ansicht zum Verhältnis zwischen Mensch und Tier herausgearbeitet und in chronologischer Folge dargestellt. Die in den Büchern landwirtschaftlicher Autoren befindlichen Anleitungen zur Tierhaltung und - nutzung wurden den philosophischen Texten ebenso chronologisch zur Seite gestellt. Um einen möglichst umfassenden Einblick in die Praktiken der landwirtschaftlichen Tierhaltung zu gewährleisten, wurde jede Tierart einzeln dargestellt. Die Schriften aus dem Altertum und teilweise auch dem Mittelalter entstammen dem südeuropäischen Kulturraum, also von den Griechen und den Römern. Der Grund dafür lag sowohl in Ermangelung schriftlicher Nachlässe der Germanen als auch in der Tatsache, dass die römische und griechische Kultur infolge sich verändernder Herrschaftsgebiete zu den germanischen Stämmen ins Gebiet des heutigen Mitteleuropa vordrang und diese nachhaltig beeinflusste. Ergänzend wurden auch Bücher aus der heutigen Zeit berücksichtigt, welche sich mit der Geschichte der Landwirtschaft oder der Philosophie beschäftigen. Für die Epoche des Altertums konnten keine direkten Wechselwirkungen zwischen philosophischen Ansichten und praktischer Tierhaltung festgestellt werden. Die Philosophen befassten sich vorwiegend mit der Frage nach den geistig- seelischen Eigenschaften wie Vernunft, Verstand, dem Vorhandensein einer Seele beim Tier sowie der Vorstellung einer Stufenfolge unter den Geschöpfen. Mehrheitlich teilten die Philosophen die Auffassung, der Mensch stehe aufgrund seiner Eigenschaften über dem Tier und nahe den Göttern. Bei den landwirtschaftlichen Schriften handelte es sich vorwiegend um Anleitungen zur praktischen Tierhaltung und - nutzung. Einzelne Aspekte der Philosophen wurden hier nicht thematisiert. Die Anleitungen zur Tierhaltung erweckten den Eindruck einer fürsorglichen Pflege, bei der das tierische Wohlbefinden vordergründig schien. Im Gegensatz dazu war das Empfinden der Tiere bei der Nutzung zum Arbeiten oder zur Mast offensichtlich zweitrangig. Den Schriften der meisten Philosophen und der Agrarschriftsteller war zu entnehmen, dass die Autoren die Auffassung teilten, Tiere seien zum Nutzen für den Menschen geschaffen. Ebenso schienen die Autoren den Tieren Empfindungen und Wahrnehmungen zuzugestehen. Weder die Philosophen noch die Agrarschriftsteller thematisierten die Rituale der Tieropferungen, Tierspiele und Tierhatzen. Die Untersuchung auf Wechselwirkungen zwischen philosophischen Ansichten zum Mensch-Tier-Verhältnis und der praktischen Tierhaltung und - nutzung ergab für das Mittelalter nur sehr unbefriedigende Ergebnisse. Zum einen gab es kaum landwirtschaftliche Schriften in deutscher Sprache. Diese Schriften stellten zudem meist Kompilationen der altertümlichen Agrarschriftsteller dar. Andererseits gab es Tierlexika, die aber durch mystische Elemente beeinflusst waren. Die Aussagekraft dieser Werke war insgesamt mangelhaft. Auch agrargeschichtliche Werke aus der heutigen Zeit können die praktischen Bedingungen der Tierhaltung und � nutzung nicht vollständig darstellen, vermittelten aber einen etwas anderen Eindruck von der landwirtschaftlichen Tierhaltung als die Chronisten. In der mittelalterlichen Philosophie erhielten christliche Dogmen und mystische Elemente eine wesentliche Bedeutung. Die Mehrheit der Philosophen beschäftigte sich mit dem Menschen und seiner Stellung in der Welt. Viele Philosophen betrachteten den Menschen in einer Position zwischen Tier und Gott. Meist wurde der Mensch weit vom Tier entfernt gesehen, da er von aufrechter Gestalt ist und seine geistigen Eigenschaften die der Tiere überragen. In den landwirtschaftlichen Schriften bzw. Tierlexika werden christliche Dogmen nicht thematisiert, die Schriften beschäftigten sich vornehmlich mit der Anleitung zur Haltung und Nutzung von Tieren. Anhand dieser Ausführungen ist festzustellen, dass Tiere selbstredend dem Menschen untergeordnet wurden. Sowohl in der philosophischen als auch in der landwirtschaftlichen Literatur wurden Tiere bzw. einzelne Tierarten mit negativen Attributen wie beispielsweise Neid, Geiz oder Boshaftigkeit verbunden. Diesbezüglich waren Wechselwirkungen zwischen dem philosophischen Denken und der landwirtschaftlichen Praxis bzw. den Tierlexika zu erkennen. Darüber hinaus konnte festgestellt werden, dass keiner der Autoren beider Themen die schwierigen Lebensumstände von Tier und Mensch im Mittelalter thematisiert. Ein Motiv dafür könnte der fehlende praktische Bezug der Autoren sowie die unreflektierte Kopie altertümlicher Werke sein. In der Neuzeit waren in mancher Hinsicht Wechselwirkungen zwischen philosophischen Ansichten zur Mensch- Tier- Beziehung und den praktischen Bedingungen in der Landwirtschaft festzustellen. Mehrheitlich teilten die Philosophen die Ansicht, der Mensch unterscheide sich durch seine geistigen Fähigkeiten vom Tier und stehe über ihm. Ihre Ansichten fußten häufig auf althergebrachten Argumenten, welche neu formuliert wurden. Dennoch nahmen viele Philosophen wie auch Autoren landwirtschaftlicher Bücher Missstände in der Tierhaltung und - nutzung wahr und bemängelten diese. Kritisiert wurden ferner die allmähliche Einführung eines eigenen Vokabulars für Tiere wie �fressen�, �saufen� oder �werfen� und die Assoziation von Tieren mit einer Maschine. Sowohl bei den philosophischen als auch den landwirtschaftlichen Autoren wurden Rechte für Tiere gefordert. Tatsächlich entstanden im Verlauf des 19.Jh. rechtliche Bestimmungen zum Schutz der Tiere. Keiner der Autoren reflektierte die abergläubischen Rituale, durch die Tiere oftmals grausam zu Tode kamen. Motiv dafür könnte sein, dass die Autoren solche Praktiken nicht als Missstand empfanden oder sich in ihren Schriften nicht mit den Volksglauben beschäftigen wollten, um möglichst sachliche Inhalte zu vermitteln. Insgesamt spiegelten die Reaktionen der Autoren den vorherrschenden Zeitgeist wieder. Ob der vorherrschende Zeitgeist jedoch von der Philosophie vorgegeben wurde, kann in der vorliegenden Arbeit nicht nachgewiesen werden. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Frage nach Wechselwirkungen zwischen philosophischen Ansichten und den praktischen Lebensumständen von Tieren in der Landwirtschaft bzw. landwirtschaftlicher Literatur nur partiell zu beantworten war.