Fachbereich Veterinärmedizin


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    Zusammenhänge zwischen Hundeverhalten und unterschiedlicher Einschränkung des Hundes durch die Leine (2009)

    Art
    Hochschulschrift
    Autor
    Olsen, U.
    Quelle
    Berlin: Mensch und Buch Verl, 2009 — [8], 224 Seiten
    ISBN: 978-3-86664-593-6
    Verweise
    URL (Volltext): http://www.diss.fu-berlin.de/diss/receive/FUDISS_thesis_000000010576
    Kontakt
    Institut für Tierschutz und Tierverhalten

    Königsweg 67
    Gebäude 21, 1. OG
    14163 Berlin
    +49 30 838 62901
    tierschutz@vetmed.fu-berlin.de

    Abstract / Zusammenfassung

    Mittels einer direkten Befragung von 300 Hundehaltern in Berlin und Brandenburg, im Jahr 2001, wurden empirische Daten über das Verhalten der Hundehalter und deren Hunde erhoben. Aus den codierten Antworten des Fragebogens wurde ein Score für drei Leinenklassen entwickelt. Mittels dieser Leinenklassen („wenig eingeschränkt“, „häufig eingeschränkt“ und „stark eingeschränkt“) wurden die Hunde je nach Ein-schränkung durch die Hundeleine und nach sozialen Kontakten kategorisiert. Die Lei-nenklassen wurden innerhalb der erhobenen Parametern untersucht. Daraus resultie-rend wurden Unterschiede festgestellt, teilweise auch signifikant, inwieweit Hundehalter und deren Hunde unter den drei Leinenklassen abweichende Verhaltensweisen auf-wiesen.
    So ergab sich im Hinblick auf die Hundehalter, dass Berliner Halter ihre Hunde seltener stark einschränkten als die Potsdamer und die in ländlicher Umgebung lebenden Bran-denburger. Die Halter kleinerer Hunde (<40 cm) führten ihre Tiere öfter „häufig und stark eingeschränkt“ als die Halter größerer Hunde (>40 cm). Das Durchschnittsalter der Hundehalter bei den kleineren Hunden, die „häufig und stark eingeschränkt“ geführt wurden, lag höher. Weibliche Halter führten ihre Tiere eher „wenig eingeschränkt“, während die Hunde der Leinenklassen „häufig und stark eingeschränkt“ eher männliche Halter hatten.
    Die Halter kastrierter Rüden und kastrierter Hündinnen führten ihre Tiere relativ weniger „stark eingeschränkt“ als die Halter der unkastrierten Rüden und Hündinnen.
    Ebenso wurden Hunde, die ein Gehorsamkeitstraining erfahren hatten, eher „wenig eingeschränkt“ geführt als die Hunde ohne Training. Die Halter der „häufig und stark eingeschränkten“ Hunde griffen auch eher zu aversiven Strafmethoden (z.B. Nacken-schütteln und Schlagen) als die weniger einschränkenden Halter.
    Ähnliche Zusammenhänge ließen sich bei der Betrachtung der Zeitspanne, in der die Hunde allein gelassen wurden, erkennen: Hunde, die täglich mehr als vier Stunden allein gelassen wurden, wurden überproportional stärker eingeschränkt geführt als die Hunde der anderen Leinenklassen. Je länger die tägliche Spazierzeit im Durchschnitt war, desto weniger wurden die Hunde eingeschränkt geführt. Hunde die bei Unterneh-mungen eher nicht mitgenommen wurden, fanden sich auch überproportional häufig in der Leinenklasse „stark eingeschränkt“.
    Stärker im Mittelpunkt der Untersuchung stand die Frage, welche Zusammenhänge zwischen Leinenklassen-Zugehörigkeit und Hundeverhalten, mit und ohne Leine, fest-stellbar sind. Auch hier zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen Hunden der Lei-nenklassen „stark eingeschränkt“ und „wenig eingeschränkt“.
    So trat territorial bedingte Aggression relativ häufiger bei den stark eingeschränkten Hunden auf, z.B. wenn der Hundehalter versuchte ihnen das Futter wegzunehmen, bzw. wenn Menschen zu Hause auf Besuch kamen.
    Hunde, die der Leinenklasse „stark eingeschränkt“ zugeordnet waren, zeigten relativ häufiger drohendes Verhalten (z.B. mit Knurren und Bellen) gegenüber Artgenossen im angeleinten Zustand wie auch freilaufend, und es kam häufiger zu Raufereien bzw. Beißereien mit Artgenossen gleichen Geschlechts als bei den weniger eingeschränkt geführten Hunden. Hunde, die „wenig eingeschränkt“ geführt wurden, liefen freundli-cher auf Artgenossen zu als Hunde, die „stark eingeschränkt“ geführt wurden.
    „Häufig und stark eingeschränkt“ geführte Hunde zeigten in Auslaufgebieten öfter „übertragenes Jagdverhalten“ sowie Angst vor Kindern, wenn diese Hunde freilaufend waren. Dagegen war bei den „wenig eingeschränkten“ Hunden relativ häufiger Angst vor bestimmten Dingen feststellbar.
    Das Anbellen von Menschen auf Spaziergängen fand häufiger bei Hunden, die ange-leint waren, als bei unangeleinten Hunden statt. Versuchten Personen mit dem Hund Kontakt aufzunehmen, so knurrten Hunde häufiger Menschen an, wenn sie angeleint waren, als wenn sie freilaufend waren. Verhielten sich die Personen auffällig, so knurr-ten angeleinte Hunde häufiger als freilaufende Hunde.
    Diese Untersuchungsergebnisse legen die Wertung nahe, dass Hunde der Leinenklasse „wenig eingeschränkt“ seltener gesellschaftlich unerwünschtes Verhalten zeigen als die Hunde, die den anderen Leinenklassen zuzuordnen sind. (Dem scheint der Befund zu widersprechen, dass an 16 genannten Beißvorfällen gegenüber Menschen auf Spa-ziergängen 11 Hunde der Leinenklasse „wenig eingeschränkt“ beteiligt waren. Inwieweit hier ein auf Grund unzureichenden Zahlenmaterials nicht verallgemeinerbares Zu-fallsergebnis vorliegt, musste offen bleiben.)
    Auch das Verhalten der Hundehalter spielte eine nicht unerhebliche Rolle. Hundehalter, die ihre Hunde weniger einschränkten, beeinflussten ihre Tiere auf den Spaziergängen auch weniger bei deren Sozialkontakten, so dass sie diesen artgemäßer nachgehen konnten und innerartlich unbeeinflusster agieren konnten. So zogen diese ihre Hunde bei Sozialkontakten auch seltener an der Leine zurück. Bei der Erziehung wandte der Halter der „wenig eingeschränkten“ Hunde eher als Bestrafungsmethode das Ignorieren an.
    Dagegen hatten die Hunde, die überwiegend „stark eingeschränkt“ geführt wurden, weniger Sozialkontakte mit Artgenossen. Diese Hunde waren häufiger mehr als vier Stunden täglich allein und wurden darüber hinaus auch noch weniger spazieren geführt als die Hunde der Leinenklasse „wenig eingeschränkt“. Die Halter hatten mit ihren Hunden weniger Gehorsamkeitstrainings durchgeführt. Die Hunde zeigten häufiger aggressive Verhaltensweisen als die weniger eingeschränkten Hunde, insbesondere wenn sie an der Leine geführt werden.
    Insgesamt ergibt sich, dass aggressive Verhaltensweisen von Hunden nicht nur von der Leinenführung abhängig sind. Das Verhalten der Hundehalter gegenüber ihren Tieren, die Sozialkontakte der Hunde und auch die Möglichkeiten, Hunde frei laufen zu lassen, beeinflussen insgesamt das Verhalten der Hunde. Insofern muss vermehrt über die Öffnung von mehr und besser verteilten Freilaufflächen im Stadtgebiet nachgedacht werden. Auch die generelle Leinenpflicht wird durch die vorliegenden Untersu-chungsergebnisse in Ergänzung der bisherigen Kritik zusätzlich in Frage gestellt; denn sie allein reduziert nicht die problematischen Vorfälle mit Hunden (Allein 7 der 16 von dieser Untersuchung erfassten Beißvorfälle gegenüber Menschen auf Spaziergängen, ereigneten sich an der Leine!)