Fachbereich Veterinärmedizin


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    Primäre immunhämolytische Anämie beim Hund, eine retrospektive Studie (Januar 2003 – Dezember 2011) (2015)

    Art
    Hochschulschrift
    Autor
    Thielemann, Dörte
    Quelle
    Berlin: Mensch und Buch Verlag, 2015 — VI, 188 Seiten
    ISBN: 978-3-86387-690-6
    Verweise
    URL (Volltext): http://www.diss.fu-berlin.de/diss/receive/FUDISS_thesis_000000101663
    Kontakt
    Klinik für kleine Haustiere

    Oertzenweg 19 b
    Haus 1
    14163 Berlin
    +49 30 838 62356
    kleintierklinik@vetmed.fu-berlin.de

    Abstract / Zusammenfassung

    Die primäre immunhämolytische Anämie (pIHA) des Hundes ist mit einer hohen Letalitätsund Komplikationsrate verbunden, insbesondere in den ersten 2 Wochen nach Therapiebeginn. In mehreren Studien wurden verschiedene klinische und labordiagnostische Parameter mit prognostischer Relevanz ermittelt.

    Ziel dieser Studie war die retrospektive Auswertung klinischer, labordiagnostischer und bildgebender Befunde einer großen Fallzahl von Hunden mit pIHA oder Evans´ Syndrom, die zwischen 2003 und 2011 an der Klinik für kleine Haustiere der FU-Berlin behandelt wurden.

    Die Untersuchungen konzentrierten sich insbesondere auf die Ermittlung prognostischer Faktoren sowie auf die Komplikations- und Letalitätsrate.

    Die Diagnose pIHA beruhte auf dem Vorliegen einer hämolytischen Anämie (Mikrohämatokrit < 0,35 l/l), einem positiven Coombs-Test (n = 114), Sphärozytose (n = 101/111), makroskopischer Objektträgeragglutination (n = 118/126) und dem Ausschluss zugrunde liegender Erkrankungen oder auslösender Faktoren. Ein Evans´ Syndrom lag vor, wenn zusätzlich zur pIHA Thrombozyten-gebundene Antikörper nachgewiesen wurden.

    Zur Ermittlung prognostisch negativer Faktoren wurden die Laborergebnisse der Therapietage 0, 3 und 8 verglichen zwischen Hunden, die innerhalb der ersten 14 Tage starben oder euthanasiert wurden (Gruppe 1) und Hunden, die länger als 14 Tage lebten (Gruppe 2). 135 Hunde gingen in die Studie ein, davon 22 Hunde in Gruppe 1 und 102 Hunde in Gruppe 2. Die verbleibenden 11 Hunde wurden aufgrund begrenzter Beobachtung (< 14 Tage) vom Gruppenvergleich ausgeschlossen (Gruppe X).

    Die Hunde gehörten 47 unterschiedlichen Rassen an, 26 Hunde waren Mischlinge. Das Alter lag zwischen 0,4 und 14 Jahren (Median 7 Jahre). 74 Hunde waren weiblich (25 kastriert) und 61 Hunde männlich (24 kastriert).

    Die Hämolyse war bei 95 Hunden (70 %) extravaskulär (Gruppe 1: 9 (41 %), Gruppe 2: 81 (79 %), Gruppe X: 5 Hunde) und bei 40 Hunden (30 %) intravaskulär (Gruppe 1: 13 (59 %), Gruppe 2: 21 (21 %), Gruppe X: 6 Hunde). Es bestand ein signifikanter Zusammenhang zwischen intravaskulärer Hämolyse und Letalität (p < 0,001).

    Der Mikro-Hämatokrit lag bei Erstvorstellung zwischen 0,05-0,34 l/l (Median 0,15 l/l). 98 Hunde (73 %) wiesen eine schwere Anämie mit einem PCV < 0,20 l/l auf. Im Hinblick auf die Schwere der Anämie ergab der Gruppenvergleich keinen signifikanten Unterschied (p = 0,285). Bei 41 Hunden (34 %) war die Anämie initial nicht regenerativ. Es bestand kein Zusammenhang zwischen nicht regenerativer Anämie und Letalität (p = 0,595).

    Die Blutuntersuchung an Tag Null ergab folgende Veränderungen: Erhöhte Leukozytenzahlen: 111 Hunde (82 %), Kernlinksverschiebung: 83/114 (73 %), Thrombozytopenie: 85 (63 %), erhöhte Serum-Konzentrationen an Harnstoff: 34 (26 %), Kreatinin: 9 (7 %) und Bilirubin: 115 (85 %) sowie eine erhöhte Aktivität der Leberenzyme ALT: 48 (37 %), AST: 66 (50 %), AP: 98 (73 %) und GLDH: 35 (28 %). Das Gesamtplasmaprotein war bei 7 Hunden (5 %) erniedrigt und bei 74 (55 %) erhöht, 77 Hunde (59 %) wiesen eine Hypoalbuminämie und 56 (42 %) Hunde eine Hypokaliämie auf.

    Die PT war bei 51 Hunden (41 %) und die aPTT bei 72 (59 %) verlängert, 33 Hunde (27 %) wiesen gleichzeitig eine PT- und aPTT-Verlängerung auf.

    Im Gruppenvergleich wiesen Hunde, die innerhalb der ersten 14 Tage starben (Gruppe 1), eine initial signifikant höhere Anzahl stabkerniger neutrophiler Granulozyten (p = 0,037), höhere Serum-Harnstoff- (p = 0,008) und Bilirubinkonzentrationen (p < 0,001), höhere ALT- (p < 0,001) und AST-Aktivitäten (p < 0,001), niedrigere Kaliumkonzentrationen (p = 0,010), eine stärkere aPTT-Verlängerung (p = 0,010) und häufiger einen Ikterus (p = 0,037) auf als Hunde, die länger als 14 Tage lebten (Gruppe 2).

    Zwischen Tag 0 und 3 kam es bei Hunden der Gruppe 1 zu einem signifikanten Anstieg der Leukozytenzahlen (p = 0,008), der Plasma-Bilirubinkonzentration (p = 0,006) und der Harnstoffkonzentration (p = 0,028), die Albuminkonzentration fiel signifikant ab (p = 0,042). Zwischen Tag 3 und 8 stiegen die Thrombozytenzahlen bei Hunden der Gruppe 2 signifikant an (p = 0,029).

    In den ersten 14 Tagen traten bei 109 Hunden (81 %) Komplikationen infolge der pIHA und/oder Nebenwirkungen infolge der medikamentellen Therapie auf. Der Verdacht einer DIC bestand bei 41 von 127 Hunden (32 %) mit ermittelten Gerinnungsparametern. Das Vorliegen einer DIC war signifikant mit einer erhöhten Letalität assoziiert (p = < 0,001). Gastrointestinale Störungen hatten 61 % der Hunde, wobei diese signifikant häufiger bei Hunden der Gruppe 1 auftraten (p = 0,012).

    33 Hunde (24 %) hatten klinische Anzeichen einer erhöhten Blutungsneigung wie Hämaturie (20/61), Meläna (15), Petechien (2), Hämatome (2), Hyphäma (3), Epistaxis (1) und Hämatemesis (3). Bei 3 Hunden ergab die post mortem Untersuchung eine hämorrhagische Diathese. Weitere Komplikationen waren abdominale (9), thorakale (3) und perikardiale (2) Ergüsse sowie entzündliche Erkrankungen (19) wie Phlebitis (10), Zystitis (3), Nephritis (3) und Hepatitis (1).

    111 Hunde (82 %) erhielten eine unterschiedliche Anzahl an Bluttransfusionen (Ec-Konzentrat: 104, Vollblut: 22, Oxyglobin®: 3). 62 Hunde (56 %) wurden mehrfach transfundiert. Frisch gefrorenes Plasma wurde 29 Hunden (Gruppe 1: 10; Gruppe 2: 17, Gruppe X: 2) und thrombozytenreiches Plasma 2 Hunden verabreicht. Hunde der Gruppe 1 benötigten signifikant häufiger Bluttransfusionen (Median 2,5 Transfusionen) als Hunde der Gruppe 2 (Median 1 Transfusion) (p = 0,001).

    56 Hunde wurden nur mit Prednisolon behandelt, 79 erhielten weitere Immunsuppressiva, davon 77 Ciclosporin (CsA). In die Behandlungsgruppe P (Prednisolon) gingen 40 Hunde ein, 50 Hunde bildeten die Behandlungsgruppe PC (Prednisolon und CsA). Die Letalität innerhalb der ersten 14 Tage betrug 18 %, wobei kein signifikanter Unterschied zwischen den Behandlungsgruppen bestand (p = 0,273). Zwischen Tag 15-365 (M 64 d) wurden weitere 19 Hunde infolge der pIHA euthanasiert (n = 16) oder verstarben (n = 3). Die 1-Jahres-Letalität betrug somit 40 % (41/102).

    Von 67 Hunden, die ≥ 90 Tage überwacht werden konnten, entwickelten 16 Hunde (24 %) ein Rezidiv der pIHA (n = 12) bzw. ein Rezidiv des Evans´ Syndroms (n = 4). Bei 12 Hunden war das Rezidiv ggf. auf eine Dosisreduktion oder auf das Absetzen der immunsupprimierenden Medikamente zurückzuführen. Acht Hunde erlitten einen zweiten Rückfall, ein Hund erlitt insgesamt 4 Rezidive.

    Zusammenfassend konnten in vorliegender Studie verschiedene labordiagnostische Faktoren mit prognostischer Relevanz ermittelt werden. Initial erhöhte stabkernige neutrophile Granulozyten, Hypokaliämie, erhöhte Plasma-Harnstoff- und Bilirubinkonzentrationen sowie erhöhte Leberenzymaktivitäten (ALT, AST), Ikterus, aPTT-Verlängerung, DIC und intravaskuläre Hämolyse waren signifikant mit einer erhöhten Letalität assoziiert. Zudem waren ein Anstieg der Leukozytenzahlen, der Bilirubin- und Harnstoffkonzentration sowie eine Abnahme der Thrombozytenzahlen und der Albuminkonzentration im Therapieverlauf negativ prognostische Faktoren.

    Bei über 75 % der Hunde traten in den ersten 14 Tagen Komplikationen auf wie eine DIC, Blutungen und gastrointestinale Störungen.