Fachbereich Veterinärmedizin


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    Publikationsdatenbank

    Untersuchung von Einflussfaktoren auf die Höhe der Einsatzleistung und deren Beziehung zur Milchleistung und Tiergesundheit in der Folgelaktation (2016)

    Art
    Vortrag
    Autoren
    Bachstein, Julia (WE 18)
    Pieper, Laura (WE 18)
    Staufenbiel, Rudolf (WE 18)
    Kongress
    41. Leipziger Fortbildungsveranstaltung Labordiagnostik in der Bestandsbetreuung
    Leipzig, 24.06.2016
    Quelle
    41. Leipziger Fortbildungsveranstaltung Labordiagnostik in der Bestandsbetreuung — Manfred Fürll (Hrsg.)
    Leipzig: Medizinische Tierklinik der Veterinärmedizinischen Fakultät Leipzig, 2016 — S. 16–17
    Verweise
    URL (Volltext): http://www.vetmed.uni-leipzig.de/ik/wmedizin/labor/laborfortbildung/leipziger_laborfortbildung_16.pdf
    Kontakt
    Klinik für Klauentiere

    Königsweg 65
    Gebäude 26
    14163 Berlin
    Tel.+49 30 838 62261 Fax.+49 30 838 62512
    email:klauentierklinik@vetmed.fu-berlin.de

    Abstract / Zusammenfassung

    Einleitung: In Deutschland vollzieht sich im Bereich der Landwirtschaft derzeit ein grundlegender Strukturwandel, der vor allem die Milchproduktion betrifft. Nach dem Wegfall der Milchquote im Jahr 2015 sind die Milchproduzenten wieder dem angebots- und nachfrageabhängigen Marktgeschehen ausgesetzt. Die unbegrenzte Milchproduktion hat in Kombination mit dem Rückgang des Exportes nach China und Russland zur Konsequenz, dass es durch das Mehrangebot zu einem starken Verfall des Milchpreises gekommen ist und zahlreiche Kleinbetriebe wegen mangelnder Konkurrenzfähigkeit bereits aufgeben mussten. Andererseits werden die Stimmen der Kritiker hinsichtlich der stetig wachsenden Milchproduktion immer zahlreicher. Gegenstand der Forschung ist daher die Vereinbarkeit von hohen Milchleistungen und tiergerechter Haltung langlebiger, gesunder Kühe. Aus diesem Grund standen im Fokus dieser Arbeit potentielle Einflussfaktoren auf die Höhe der Milchleistung zum Laktationsstart unter besonderer Berücksichtigung peripartaler Erkrankungen. Außerdem sollte die Beziehung zwischen der Einsatz- und der Laktationsleistung untersucht und der in der Literatur bisher nicht eindeutig festgelegte Begriff „Einsatzleistung“ definiert werden.
    Material und Methoden: Für die Untersuchung wurde eine einjährige Beobachtungsstudie auf einem Milchviehbetrieb in Mecklenburg-Vorpommern durchgeführt (ca. 2000 Holstein-Friesian-Kühe, durchschnittliche Jahresleistung 10900 kg). Es wurden die Tagesmilchmenge von Tag 1-7 p.p., die Wochendurchschnittsmengen bis zur 7. Laktationswoche sowie die kumulierten 100- und 305-Tage-Leistungen erfasst. Weiterhin erfolgte die Bestimmung der Erstkolostrummenge und –qualität (Densimeter, Refraktometer) sowie der Rückenfettdicke (Ultraschall) zur Einstallung in den Transitstall (RFD1, Primipare ca. 2 Wo. a.p., Pluripare ca. 6 Wo. a.p.), direkt nach der Kalbung (RFD2) und am Tag der Ausstallung (RFD3, ca. 2 Wo. p.p.). Für die Analyse der Parameter BHB, Calcium und NEFAs wurde 7-14 Tage vor (v), direkt nach der Kalbung (0) sowie an den Tagen (1), (3) und (7) p.p. eine Blutprobe aus der V. coccygea entnommen. Die Datenerfassung beinhaltete die Laktationszahl, den Kuhvater, das Datum der Konzeption, der Einstallung, der Umstallung in die Vorbereitergruppe sowie der Kalbung und Ausstallung, die Kälberdaten (Kälberanzahl, -geschlecht, -gewicht, Totgeburten und Geburtsverlauf), die Frühtrockensteh-, Vorbereitungs- und Trächtigkeitsdauer, die Anzahl der Besamungen, die Zwischentragezeit sowie Erkrankungsfälle (Geburtsverletzung, Retentio placentae, Metritis, Gebärparese, Ketose, Dislocatio abomasi [bis zum 30. Tag p.p.] bzw. Mastitiden und Klauenerkrankungen [bis zum 150. Tag p.p.]). Wiederholt auftretende Erkrankungen wurden erst ab dem 11. Tag nach der Erstdiagnose als Neuerkrankungsfall definiert. Bei der Auswertung der Daten fanden zur Überprüfung von Zusammenhängen und Einflussfaktoren Kreuztabellen mit Chi-quadrat-Tests, Odds Ratios, Korrelationsanalysen, T-Tests, allgemeine lineare Modelle bzw. Varianzanalysen (ANOVA) mit Post-hoc-Tests, Diskriminanzanalysen sowie schrittweise multiple lineare Regressionsanalysen Anwendung.
    Ergebnisse: Zunächst wurde als Einsatzleistung die durchschnittliche Erstwochenleistung (MT 2-7) und Peakwochenleistung (erstmaliger Peak in MW 3-7) definiert, d.h. im weitesten Sinne die Milchleistung im Zeitraum zwischen dem 1.-50. Tag p.p.. Dann erfolgte für die weitere Auswertung auf Grundlage der Laktationszahlen 1-11 die Erstellung von Laktationskategorien in A) Tiere der 1. Laktation, B) Tiere der 2.-3. Laktation und C) Tiere ab der 4. Laktation. Signifikante Leistungsunterschiede zwischen diesen Gruppen sind bereits ab dem 1. Tag p.p. vorhanden. Die Erstwochenleistung beträgt durchschnittlich 20,9 kg (A), 35,4 kg (B) bzw. 35,1 kg (C), die Peakwochenleistung 30,6 kg (A), 49,1 kg (B) bzw. 50,8 kg (C), die 100-Tage-Leistung 2885 kg (A), 4441 kg (B) bzw. 4637 kg (C) und die 305-Tage-Leistung 8768 kg (A), 11525 kg (B) bzw. 11903 kg (C). Die Erstwochenleistung ist signifikant positiv mit der Peakwochenleistung (0,815), der 100-Tage- (0,837) und der 305-Tage-Leistung (0,709) korreliert, ebenso die Peakwochenleistung mit der 100-Tage- (0,963) und der 305-Tage-Leistung (0,858). Als starke positive Einflussfaktoren auf die untersuchten Milch erweisen sich eine größere Menge an Erstkolostrum (>4 kg), die Vorbereitungs- (A), die Trächtigkeits- (B) bzw. die Gesamttrockenstehdauer (C) und somit die unmittelbar antepartale Phase. Weitere positiv wirkende Einflussfaktoren stellen die Vatertiere (Genetik), die Kondition (RFD) zur Einstallung und Kalbung bzw. eine Konditionszunahme während der Trockenstehzeit und eine moderate Konditionsabnahme p.p. dar. Darüber hinaus sind höhere BHB- und NEFA-Konzentrationen 7 Tage p.p. mit größeren Milch assoziiert, während antepartal erhöhte NEFA-Spiegel (7 Tage a.p.) bei Pluriparen mit niedrigeren, bei Primiparen jedoch mit höheren Leistungen einhergehen. Die Anwendung von Geburtshilfe ist negativ und das Kälbergeburtsgewicht positiv mit der untersuchten Milch assoziiert. Des Weiteren erreichen binnen der ersten 30 Tage p.p. erkrankte Tiere nicht so hohe Leistungen wie gesunde Tiere und die Milch-verluste steigen mit der Anzahl der Erkrankungsfälle an. Als einflussreichste Erkrankungen mit negativem Effekt auf die Höhe der Einsatz- und Laktationsleistung erweisen sich Metritiden (A), Nachgeburtsverhaltungen (B) bzw. Gebärparesen (C) und somit unterschiedliche Krankheiten in den Altersgruppen. Dagegen ist gruppenübergreifend eine längere Zwischentragezeit (ZTZ >100 Tage) mit einer höheren 305-Tage-Leistung assoziiert.
    Diskussion und Schlussfolgerungen: Aufgrund des starken Zusammenhangs zwischen der Einsatzund der Laktationsleistung wird empfohlen die Milchmenge in den ersten 50 Laktationstagen weder stagnieren zu lassen noch zu drosseln und unter Beachtung der spezifischen Anforderungen der unterschiedlichen Laktationskategorien den Einflussfaktoren auf die Höhe der Einsatzleistung im Betrieb besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Der positive Effekt einer höheren Kolostrummenge und der unmittelbar antepartalen Phase auf die Milchleistung wird auf die zu diesem Zeitpunkt forciert ablaufenden Drüsenzelldifferenzierungsvorgänge im Euter zurückgeführt. Dieser Zusammenhang unterstreicht die hohe Relevanz der Gestaltung der letzten Trächtigkeitswochen für die Milchproduktion. Da zudem besonders Erstkalbinnen positiv auf eine mehr als 14-tägige Vorbereitungsdauer reagieren mit der Möglichkeit sich besser an die neue Umgebung und Futterration anpassen zu können, ist eine ante- und postpartale Trennung zwischen Kuh- und Färsengruppen zur Minderung des hierarchischen Stresses bei Primiparen und zum Zwecke der unterschiedlichen Intensivbetreuung der Gruppen empfehlenswert. Aufgrund der divergierenden Effekte erhöhter NEFA-Konzentrationen a.p. auf die Höhe der Milchleistung muss von einem besseren Kompensationsvermögen der Erstkalbinnen bzw. einem Adaptationsproblem der Mehrkalbinnen ausgegangen werden, so dass bei Pluriparen eine Verfettung während der Trockenstehzeit, Stress und eine Futterverzehrsdepression in den letzten 2 Wochen a.p. unbedingt vermieden werden sollten. Da die größten krankheitsbedingten Milchverluste je nach Altersgruppe durch unterschiedliche peripartale Krankheiten verursacht werden, wird ein optimales Herdenmanagement in der Transitphase mit individuellen an die jeweilige Laktations-kategorie angepassten Tierkontrollen sowie rechtzeitigen Behandlungen empfohlen. Wegen des positiven Zusammenhangs einer längeren ZTZ und höheren Milchleistungen ist darüber hinaus zu erwägen den Hochleistungstieren in der Herde aus Gründen der Tier-gesundheit und der Möglichkeit ihr Milchleistungspotential voll ausschöpfen zu können eine längere freiwillige Wartezeit einzuräumen.