Fachbereich Veterinärmedizin


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    Publikationsdatenbank

    Leistungsabhängige Gesundheitsstörungen bei Nutztieren für die Fleischerzeugung (Schweine, Rinder, Hühner, Puten) und ihre Relevanz für § 11b Tierschutzgesetz („Qualzucht“) (2011)

    Art
    Hochschulschrift
    Autor
    Demmler, Daphne
    Quelle
    Berlin, 2011 — 230 Seiten
    Verweise
    URL (Volltext): http://www.diss.fu-berlin.de/diss/receive/FUDISS_thesis_000000023739
    Kontakt
    Institut für Tierschutz und Tierverhalten

    Königsweg 67
    Gebäude 21, 1. OG
    14163 Berlin
    +49 30 838 62901
    tierschutz@vetmed.fu-berlin.de

    Abstract / Zusammenfassung

    Nutztierzucht ist charakterisiert durch die vorrangige Selektion auf Leistungsmerkmale. Sie geht dabei mit Veränderungen der physiologischen und/oder anatomischen Gegebenheiten des Organismus einher. Da die Zucht landwirtschaftlicher Nutztiere in erster Linie mit dem Ziel erfolgt, unter marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen Produkte für den Menschen zu erzeugen, orientieren sich die Zuchtziele vor allem an den Verbraucherwünschen und Marktanforderungen. Ein besonderer Schwerpunkt der Zucht von Nutztieren ist daher seit Jahrzehnten die Produktivität der Tiere, welche durch geeignete Zucht- und Fortpflanzungsmaßnahmen große und kontinuierliche Steigerungen erfahren hat.
    Leistungssteigerungen können sich allerdings negativ auf die Gesundheit der Tiere auswirken, vor allem wenn diese einseitig verfolgt werden. Bestimmte Krankheiten und Syndrome resultieren dabei aus einer hohen Produktivität des tierischen Organismus. Diese negativen Begleiterscheinungen der Leistungszucht werden als „leistungsabhängige Gesundheitsstörungen“ bezeichnet. Sie werden oft bewusst in Kauf genommen, obwohl im deutschen Tierschutzgesetz bereits seit 1986 ein Verbot von sogenannten Qualzüchtungen existiert. Ein Vollzug des betreffenden Paragraphen (§ 11b TierSchG) ist jedoch bislang auf dem Gebiet der Nutztierzucht nicht erfolgt.
    Wissenschaftliche Publikationen zu Gesundheitsstörungen im Zusammenhang mit gesteigerten Mast- und Schlachtleistungen, die mit Schmerzen, Leiden oder Schäden für die betroffenen Tiere oder deren Nachkommen verbunden sind und damit Tierschutzrelevanz im Sinne des § 11b TierSchG besitzen, werden in dieser Literaturarbeit zusammengestellt und ausgewertet. Dafür wird die verfügbare wissenschaftliche Literatur zu sieben Gesundheitsstörungen herangezogen: zur Doppellendigkeit der Mastrinder, zur Belastungsmyopathie und Osteochondrose der Mastschweine, zum Aszites-Syndrom und plötzlichen Herztod der Masthühner, sowie zur Myopathie der tiefen Brustmuskulatur und zur tibialen Dyschondroplasie der Masthühner und -puten. Im Einzelnen werden jeweils das klinische Bild, die Diagnosemöglichkeiten und die Tierschutzrelevanz der Erkrankungen bzw. Syndrome dargestellt, sowie Empfehlungen zu ihrer Bekämpfung bzw. Prävention diskutiert.
    Die Auswertung der zusammengetragenen Informationen führt zu der Schlussfolgerung, dass eine einseitige Selektion auf hohe Mastleistung bzw. Muskelausprägung unabhängig von der Tierart zu vergleichbaren negativen Begleiterscheinungen führt. Dabei sind in erster Linie die Knochen und Gelenke, die Muskulatur und das Herz-Kreislaufsystem der Tiere betroffen. Entsprechende Überlastungen resultieren vor allem daraus, dass das Skelett und das Herz-Kreislaufsystem moderner auf Hochleistung gezüchteter Masttiere nicht mit ihrem starken Muskelwachstum Schritt halten können.
    Zur Vermeidung leistungsabhängiger Gesundheitsstörungen besteht Handlungsbedarf in erster Linie auf züchterischer Seite. Potenzielle Zuchttiere sollten auf ihre individuelle Prädisposition für die entsprechenden Krankheiten und Syndrome untersucht und gegebenenfalls aus der Zucht ausgeschlossen werden. Bei leistungsabhängigen Gesundheitsstörungen, die auf einem Gendefekt beruhen, besteht die Möglichkeit gegen den spezifischen Defekt zu selektieren. Dagegen scheint es bei Gesundheitsstörungen, deren disponierende Gene noch nicht offengelegt sind, oder die auf vielen Genen mit additiver Wirkung beruhen geboten, primär die Leistung zu senken. Da mit § 11b TierSchG eine Rechtsgrundlage existiert, sollten entsprechende Konsequenzen seitens der Zuchtverbände und Zuchtorganisationen verpflichtend vorgeschrieben werden. Hierzu werden verschiedene juristische Maßnahmen vorgestellt und diskutiert.