Fachbereich Veterinärmedizin


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    Die Bedeutung des Leerkauens bei Pferden aus Sicht der Physiologie und der Ethologie (2012)

    Art
    Hochschulschrift
    Autor
    Wickert, Marion (WE 2)
    Quelle
    Berlin: Mensch & Buch Verlag, 2012 — 130 Seiten
    ISBN: 978-3-86387-209-0
    Verweise
    URL (Volltext): http://www.diss.fu-berlin.de/diss/servlets/MCRFileNodeServlet/FUDISS_derivate_000000011988
    Kontakt
    Institut für Veterinär-Physiologie

    Oertzenweg 19 b
    14163 Berlin
    +49 30 838 62600
    physiologie@vetmed.fu-berlin.de

    Abstract / Zusammenfassung

    Das Leerkauen der Pferde ist definiert als eine horizontale Kaubewegung außerhalb der Futteraufnahme, nicht zu verwechseln mit der Unterlegenheitsgebärde. Das Ziel der vorliegenden Studie ist es, die Bedeutung des Leerkauens aus Sicht der Physiologie und Ethologie zu untersuchen und Rückschlüsse auf Befindlichkeiten zu ziehen. Die Untersuchungen teilen sich in drei Abschnitte:
    1. Bei wildlebenden Pferden in Dülmen wird beobachtet, in welchen Situationen Leerkauen auftritt. Es kann keinerlei Bezug zu Alter, Geschlecht oder Rangposition festgestellt werden. 2. Zehn Dressur- und Springpferde werden jeweils über fünf Tage am Boden trainiert und ihr Verhalten bei der Bewältigung unbekannter Aufgaben analysiert. Es kann weder eine Erhöhung der Herzfrequenz noch ein Anstieg an Stresshormonen aus Speichelproben nachgewiesen werden. 3. An Circuspferden zeigte sich, dass die Kautätigkeit bei Pferden ohne Mundstück im Maul im Vergleich zu der Kautätigkeit mit Mundstück im Maul bzw. zusätzlich mit Ausbindern jeweils erhöht war.
    Für das Leerkauen sind folgende Verhaltensmerkmale charakteristisch: Die Lippen sind leicht geöffnet, die Zähne nicht sichtbar; Mahlbewegung ist erkennbar; die Ohren sind seitlich nach hinten gestellt, mit der Öffnung nach unten; der Hals ist gestreckt; während des Leerkauens ist an Hals und Schweifrübe häufig eine Abwärtsbewegung erkennbar; die Augen sind geöffnet, häufiger Lidschlag. Parallel zum Leerkauen treten weitere Verhaltensweisen aus dem Bereich des Fress- und Komfortverhaltens auf.
    In einem theoretischen Modell wird versucht, die Situation während des Leerkauens zu erklären. Dafür wird vorausgesetzt, dass Selbsterhaltung eine Grundeigenschaft von Lebewesen ist, für deren Erhalt Bedarfsdeckung und Schadensvermeidung nötig sind. Hieraus resultiert eine Motivation, sich mit der Umwelt auseinanderzusetzen, was zu einer emotionalen Bewertung sowohl der Umweltreize als auch der eigenen Bewältigungsfähigkeit führt. Die Bewertung der Umweltreize erfolgt zu Beginn, während und bei Abschluss der Handlung. Auf etwas Zugehen spricht für funktionell für erwünscht, etwas Meiden für funktionell für unerwünscht. Die Erfahrung ausreichender Bewältigungsfähigkeit vermittelt emotionale Sicherheit und führt zu Entspannung, ausbleibende
    Bestätigung dagegen zu Unsicherheit und Anspannung.
    Bei der Bodenarbeit wird eine Begegnungsphase, bei der Meiden (Motivation A) dominiert, von einer nachfolgenden Lernphase, bei der das Pferd nach einer Belohnung strebt (Motivation B), unterschieden. Mit einem für das Pferd unspezifischen Reiz schafft der Trainer eine zunächst unerwünschte Situation, die beim Pferd eine Anspannung bewirkt. Ein Wegbleiben des Reizes nach erfolgreicher Bewältigung der Aufgabe führt zu einer nachfolgend erwünschten Situation für das Pferd. Die Erfahrung ausreichender Bewältigungsfähigkeit vermittelt dem Pferd Sicherheit und führt zu Entspannung. Eben in dieser Übergangsphase von Anspannung zu Entspannung zeigt sich das Leerkauen. Bei Wiederholung der Übung wird der unspezifische Reiz zu einem spezifischen Reiz: Motivation A weicht Motivation B, das Pferd lernt. Die Erfahrung unzureichender Bewältigungsfähigkeit, die zuvor zu emotionaler Unsicherheit und Anspannung geführt hat, bleibt aus. Ohne vorangehende Anspannung mit nachfolgender Entspannung erfolgt auch kein Leerkauen mehr. Die Abnahme der Leerkautätigkeit während mehrtägiger Bodenarbeit war nachweisbar.
    Bei den wildlebenden Pferden in Dülmen kann aufgrund der Komplexität der Umwelt keine saubere Aufarbeitung des Leerkauens erfolgen.
    Bei der Bodenarbeit ist das Leerkauen immer in Übergangsphasen von Anspannung zu Entspannung zu beobachten. Seine Bedeutung ist das sichtbare Erreichen eines Zustandes reduzierter Aktivität und somit das Schaffen der Voraussetzung für das Aufkommen einer neuen Handlungsbereitschaft.
    Aus ethologischer Sicht ist das Leerkauen bei der Bodenarbeit ein sichtbares Zeichen des Spannungsabbaus.
    Aus physiologischer Sicht bewirkt die Kaubewegung eine Aktivierung des Parasympathikus. Auch das Leerkauen trägt somit je nach Dauer der Kautätigkeit mehr oder weniger stark zur Entspannung bei, was unser theoretisches Denkmodell untermauert. Das Erreichen eines Zustandes reduzierter physischer und psychischer Aktivität wird begünstigt und in der Folge das Auftreten neuer Aktivitäten ermöglicht.