Fachbereich Veterinärmedizin


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    Bedeutung der Stewart-Variablen des Säuren-Basen-Status für die Diagnostik ausgewählter Erkrankungen und die Infusionstherapie beim Pferd (2011)

    Art
    Hochschulschrift
    Autor
    Balali, M.
    Quelle
    Berlin: mbv, 2011 — 111 Seiten
    ISBN: 978-3-86387-155-0
    Verweise
    URL (Volltext): http://www.diss.fu-berlin.de/diss/receive/FUDISS_thesis_000000037811
    Kontakt
    Institut für Veterinär-Physiologie

    Oertzenweg 19 b
    14163 Berlin
    +49 30 838 62600
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    Abstract / Zusammenfassung

    Einleitung: Der Säuren-Basen-Status (SBS) bei Tieren kann anhand zweier unterschiedlicher Modelle beurteilt werden. Bekannt ist die klassische Henderson-Hasselbalch-Theorie mit den diagnostischen Parametern pH, PCO2, [HCO3-] bzw. [BE]. Stewart kritisierte das Henderson- Hasselbalch-Modell als zwar richtig, aber unvollständig. Er schuf ein neues SBS-Modell mit drei primären Variablen, wie PCO2, [SID] und [Atot]. Der PCO2 wird von der Lunge, Plasma- [SID] von Nieren und Magen-Darm-Kanal sowie Plasma-[Atot] von Leber und Nieren reguliert. Das Stewart-Modell des SBS ist theoretisch gut fundiert, findet jedoch bisher in der Veterinärmedizin kaum Beachtung.
    Probanden und Studiendesign: An 44 erwachsenen Pferdepatienten einer Universitätsklinik wurden der Einfluss unterschiedlicher Erkrankungen sowie die Wirkung verschiedener Infusionslösungen (0,9%-ige NaCl-, Ringer- und Mischlösungen) auf den SBS der Tiere geprüft. Die Entnahme venöser Blutproben erfolgte zu den Zeitpunkten vor sowie sofort und ~1h nach unterschiedlich langer Dauertropfinfusion. In den Proben wurden verschiedene SBS-Parameter nach Henderson-Hasselbalch und Stewart labordiagnostisch ermittelt und bezüglich Diagnostik und Behandlungswirksamkeit vergleichend bewertet.
    Ergebnisse und Diskussion: Ausgehend von den Referenzbereichen der SBS-Parameter führten die sehr unterschiedlichen Erkrankungen bei den Pferden zum Zeitpunkt vor Behandlungsbeginn im Mittel nur zu geringen oder keinen signifikanten Abweichungen. Bei 9 Pferden konnten Auslenkungen des physiologischen Blut-pH diagnostiziert werden und zwar in 4 Fällen eine Azidämie (pH <7,30) und in 5 Fällen eine Alkalämie (pH >7,42). Deutlich häufiger wichen die ermittelten Stewart-Parameter des SBS von den Referenzbereichen ab. Bei 20 Pferden veränderte sich die Plasma-[SID3 und 4], wobei 17-mal ein Abfall (= elektrolytbedingte Azidose) und 3-mal ein Anstieg der Werte (= elektrolytbedingte Alkalose) gefunden wurden. Bezüglich Plasma-[Atot1 und 2] wurden in 6 Fällen erniedrigte (= hypoproteinämische Alkalose) und in 5 Fällen angestiegene Befunde (= hyperproteinämische Azidose) beobachtet. Die Werte für Plasma-[SIG] waren 14-mal stärker negativ als normal (= verstärkter Anfall ungemessener saurer Anionen).
    Die zeit- und tiergleich ermittelten Henderson-Hasselbalch-Parameter, wie [HCO3-] (26,9±07 mmol/l) und [BE] (1,5±07 mmol/l) lagen mit wenigen Ausnahmen im Referenzbereich und ließen somit Veränderungen des SBS kaum erkennen. Die beschriebenen Ergebnisse führen zu der Erkenntnis, dass mittels der Stewart-Parameter eine exaktere Diagnostik mit vorteilhaftem Einblick in die unterschiedliche Ätiopathogenese der SB-Imbalancen möglich wird. Zugleich vermitteln die nichtrespiratorischen Stewart-Variablen [SID] und [Atot] eindrucksvoll den funktionellen Zusammenhang zwischen Elektrolyt-, Säuren-Basen- und Proteinstoffwechsel im Organismus. Letzteres gelingt mit den klassischen SBS-Parametern, wie [HCO3-] oder [BE], nicht. Die zum Einsatz gelangten Infusionslösungen, wie isotone NaCl-, Ringer- und Mischlösungen, waren konfektioniert und wiesen [SID3/4] (<0 mmol/l) und [Atot1/2] (0 mmol/l) auf. Im Vergleich zu den physiologischen Plasma-[SID] (~40 mmol/l) und -[Atot] (~13 mmol/l) bei Pferden müssten diese Lösungen mit ihrem erniedrigten SID sauer, und den fehlenden Proteinen, alkalisch wirken. Tatsächlich fand sich bei den Pferdepatienten nach der Infusionsbehandlung ein signifikanter Abfall von Plasma-[SID4] auf 36,2±3,3 mmol/l (Ringerlösung) und 40,3±2,8 mmol/l (NaCl-Lösung), d. h. eine azidierende Wirkung. Bei den gleichen Tieren sank die Plasma-[Atot1] signifikant auf 12,3±1,5 mmol/l bzw. 12,5±1,8 mmol/l, d. h. ein alkalischer Effekt war feststellbar. Weil der Abfall von [SID] quantitativ höher ausfiel als der für [Atot], ergab sich als Nettowirkung der Infusionsbehandlung eine azidotische Stoffwechselbelastung. Demnach scheinen die eingesetzten Lösungen zur Behandlung der bei Tieren häufig auftretenden nichtrespiratorischen Azidose weniger gut geeignet zu sein. Mit den Parametern nach Henderson-Hasselbalch ließen sich diese spezifischen Effekte der Infusionsbehandlung nicht ermitteln.
    Schlussfolgerungen: Die Stewart-Parameter des SBS können bei der Flüssigkeitszufuhr an Tieren zum einen vorteilhaft zur Vorhersage möglicher saurer oder basischer Effekte genutzt werden. In der Veterinärmedizin finden meistens konfektionierte orale oder parenterale Lösungen Verwendung, daher genügt die einmalige Bestimmung der Werte für [SID] und [Atot] in diesen Lösungen, um die Auswirkungen auf den SBS der Probanden zu erkennen. Zum anderen gelingen mit der Bestimmung von Plasma-[SID] und -[Atot] spezifische Rückschlüsse auf die Ätiopathogenese von nichtrespiratorischen -Störungen bei Tieren, die vorteilhaft auch im venösen Blut analysierbar sind. Daraus können Erkenntnisse für eine wirksame Flüssigkeitsbehandlung abgeleitet werden.